Zehn architektonische Meisterwerke eines Genies Zum 150. Geburtstag des Architekten Alexej Schtschusev

10/08/2023 - 16:15

Alexej Schtschusev ist die umstrittenste Figur in der Geschichte der russischen Architektur. Er begann seine Karriere mit dem Bau von Kirchen. In den 1920er Jahren debütierte er als Konstruktivist. Nach weiteren 10 Jahren wechselte er zu einem neuen Stil – sozialistischer Klassizismus. Und in jeder Richtung hatte er Erfolg. Der Architekt hielt sich nicht an einen einzigen Stil und war in der Lage, auf die Anforderungen der Moderne zu reagieren.

Alexej Schtschusev wurde am 8. Oktober 1873 in Chişinău geboren. Im Alter von 18 Jahren trat er in die Höhere Kunstschule der Kaiserlichen Akademie der Künste in St. Petersburg ein. Er studierte in der Werkstatt der Architekten Grigorij Kotov und Leontij Benois und besuchte die Malklassen von Ilja Repin und Archip Kuindzhi. 1896 schloss Alexei Schtschusev die Akademie der Künste ab. Für seine Diplomarbeit "Herrschaftsanwesen" erhielt der Architekt die Große Goldmedaille und das Recht, auf öffentliche Kosten ins Ausland zu reisen. Im Winter 1897 reiste Schtschusev als Mitglied der Archäologischen Kommission nach Usbekistan, wo er zahlreiche Ornamente abzeichnete und die ältesten Denkmäler von Samarkand vermaß. Er war von der zentralasiatischen Architektur so beeindruckt, dass orientalische Motive später in vielen Werken des Architekten auftauchten.

Sechs Monate nach der archäologischen Reise begab sich Schtschusev auf eine neue Auslandsreise. Er besuchte Tunesien, Österreich, Italien, England, Belgien und Frankreich.

Nach seiner Rückkehr nach Russland im Jahr 1901 restaurierte der junge Architekt die Ikonostase der Kirche und ersetzte den Altar durch eine Altarschranke in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale des Kiewer Höhlenklosters. Fasziniert von der altrussischen Architektur und Kunst, trat er in das Büro des Heiligen Synods ein und wurde dessen offizieller Architekt. 1909 begann Schtschusev im Auftrag der Fürstin Elisaweta Romanowa auf dem Gelände des Marfo-Mariinsky-Klosters der Barmherzigkeit mit dem Bau der Fürbitt-Kathedrale - ein Gebäude im neurussischen Stil. Alle Details hatten Vorbilder in der altrussischen Architektur, wurden aber im Geiste der modernen Kunst ausgeführt. In der Folgezeit entwarf Schtschusev mehrere weitere Gotteshäuser.

Ein Jahr später erhielt Schtschusev einen großen staatlichen Auftrag: die Gestaltung des "östlichen Tors von Moskau" - des Bahnhofs von Kasan. 1913 legte Schtschusev dem Eisenbahnministerium einen detaillierten Entwurf für den Bahnhof vor, in dem er Motive der östlichen und altrussischen Architektur kombinierte.

Auf der Turmspitze befand sich die mythische Schlange Zilant - das Symbol der alten Stadt Kasan. Das einprägsamste Element des Bahnhofs ist der zentrale Turm. Er ist eine Anspielung auf gleich zwei Bauwerke: den Turm des Kasaner Kremls, Syuyumbike, und den Borowitskaja-Turm des Moskauer Kremls. Der Architekt hat auch Elemente aus der europäischen Architektur übernommen. Auf einem der Türme des Bahnhofs hat er eine Uhr mit den Tierkreiszeichen angebracht. Sie ähnelt dem Zifferblatt auf der Piazza San Marco in Venedig.

Nach Lenins Tod erhielt der Architekt den Auftrag, innerhalb weniger Stunden ein provisorisches Mausoleum für den Leichnam des Führers auf dem Roten Platz zu entwerfen. Das von Schtschusev entworfene hölzerne Mausoleum wurde in vier Tagen errichtet. Das erste Mausoleum dauerte zwei Monate. Dann wurde Schtschusev beauftragt, ein neues Gebäude zu entwerfen, das geräumiger sein sollte.

Der Architekt beschloss, die Stufenform des Gebäudes beizubehalten, aber die Größe zu steigern, eine Tribüne und einen Säulengang hinzuzufügen. Die zweite Version des Mausoleums wurde ebenfalls aus Holz gebaut. Das steinerne Mausoleum, das heute noch auf dem Roten Platz zu sehen ist, wurde 1930 errichtet. Alexej Viktorowitsch entwarf das Bauwerk im Stil der Avantgarde und des Art déco.

Danach wurde Schtschusev offiziell als der wichtigste sowjetische Architekt anerkannt. Er erhielt staatliche Aufträge für Wohn- und Verwaltungsgebäude, Sanatorien und Hotels in der gesamten UdSSR.

In der Nähe des Roten Platzes auf dem Ochotny Rjad beschloss man, das erste sowjetische mehrstöckige Hotel zu bauen. Im Jahr 1935 empfing das neoklassizistische Moskauer Hotel seine ersten Gäste.

Nach dem Bau des Hotels leitete Alexej Schtschusev parallel dazu Dutzende von Projekten in verschiedenen Städten. Er entwickelte einen Plan für die Bolschoi-Moskworezki-Brücke und die Bebauung des Moskwa-Ufers gegenüber dem Kiewer Bahnhof, verlängerte die Gorki-Straße (heute Twerskaja-Straße) unter Erhaltung der alten Häuser und entwarf einen Plan für die akademische Stadt. Der Architekt entwarf die Gebäude der sowjetischen Botschaft in Bukarest, das Intourist Hotel in Batumi, die Zweigstelle des Marx-Engels-Lenin-Instituts in Tiflis und das Opern- und Balletttheater in Taschkent.

Eines der letzten Werke von Schtschusev war die U-Bahn-Station Komsomolskaja der Ringlinie der Moskauer Metro. Schtschusev entwarf die Station, die dem Sieg über die deutschen Invasoren gewidmet ist, im russischen Stil.

Alexej Schtschusev starb 1949. Er wurde auf dem Nowodewitschi-Friedhof beigesetzt. Für den Bau der Metrostation Komsomolskaja wurde er posthum mit dem vierten Stalinpreis ausgezeichnet.

In diesem Projekt kombinierte Schtschusev Motive der östlichen und altrussischen Architektur.

Auf der Turmspitze befand sich die mythische Schlange Zilant, ein Symbol der alten Stadt Kasan. Das einprägsamste Element des Bahnhofs ist der zentrale Turm. Er verweist gleich auf zwei Bauwerke: den Turm des Kasaner Kremls Syuyumbike und den Borowitskaja-Turm des Moskauer Kremls. Auf einem der Türme des Bahnhofs hat er eine Uhr mit den Tierkreiszeichen angebracht. Sie ähneln dem Zifferblatt auf der Piazza San Marco in Venedig.

Der Architekt beschloss, eine Kathedrale zu errichten, die den Klöstern von Pskow und Nowgorod aus dem XII. und XIV ähneln würden. Er übernahm dekorative Elemente aus den Kirchen von Suzdal und Jurjev-Polsky. Das aus weißem Stein errichtete, gedrungene und lakonische Gotteshaus ähnelt wirklich den alten russischen Kathedralen. Gleichzeitig brachte Schtschusev Merkmale des Jugendstils in das Erscheinungsbild ein: Die Kirche sieht aus verschiedenen Blickwinkeln anders aus, ihre Wände sind nicht symmetrisch. Auch der Einfluss der Gotik ist spürbar: Die Kuppeln des Gotteshauses sind langgestreckt.

Der Architekt widmete den Details große Aufmerksamkeit, einschließlich der Gestaltung von Kelchen, Leuchtern und Rondellen (Tücher mit Heiligenbildern) und entschied sogar, wie die Kleidung der Priester aussehen sollte.

Der Bau des ersten Mausoleums dauerte zwei Monate. Das Gebäude war ein hölzerner Würfel mit einer dreistufigen Pyramide als Abschluss. Dann wurde Schtschusev beauftragt, ein neues Gebäude zu entwerfen, das geräumiger sein sollte.

Der Architekt beschloss, die Stufenform des Gebäudes beizubehalten, vergrößerte es jedoch und fügte Tribünen und einen Säulengang hinzu. Die zweite Version des Mausoleums wurde ebenfalls aus Holz gebaut, wirkte aber viel monumentaler als sein "Vorgänger". Das steinerne Mausoleum, das heute noch auf dem Roten Platz zu sehen ist, wurde 1930 errichtet. Alexej Viktorowitsch entwarf das Bauwerk im Stil der Avantgarde und des Art déco.

Es ist bekannt, dass das Volkskommissariat für Eisenbahnwesen Geld für den Bau des Hauses bereitgestellt hat. Unter den Moskauern verbreitete sich jedoch eine Legende über einen anderen "Sponsor" - den Goldschmied Nikolai Stachejev, der Russland nach der Revolution verließ. Es hieß, er sei nach Moskau zurückgekehrt, um Silber zu holen, das er in einem Versteck in seinem Haus in der Basmannaja-Straße versteckt hatte. Stachejev wurde jedoch von Sondereinheiten festgenommen und zum Verhör zu Felix Dserschinski gebracht. Im Gegenzug für seine Freiheit und die Möglichkeit, das Land zu verlassen, bot der Goldschmied an, den Verbleib des Schatzes zu verraten. Der Volkskommissar willigte ein. Der Legende nach wurde das gefundene Geld für den Bau des Klubs der Oktoberrevolution (dieser hieß ursprünglich `Kulturhaus der Eisenbahner´) verwendet.

Die Geschichte hat ein Nachspiel. Ilja Ilf und Ewgenij Petrov, Journalisten der Zeitung Gudok, haben angeblich von dem Vorfall erfahren. Die urbane Legende inspirierte sie so sehr, dass sie auf ihrer Grundlage den Roman "12 Stühle" schrieben. Und Nikolai Stachejev wurde zum Prototyp von Kisa Worobjaninov.

Das Gebäude wurde im Stil des strengen und rationalen Konstruktivismus errichtet. Die proportionale, zurückhaltende Fassade des Gebäudes wird durch einfache, gerade Balkone "geprägt". Bei der Planung der Wohnungen hat der Architekt nicht mit ungewöhnlichen Details gespart. Bei der Gestaltung der Innenräume wurde auf die Wünsche der Bewohner Rücksicht genommen. Einige Zimmer hatten Kamine und mit Stuck verzierte Decken. Die luxuriöseste Wohnung, die eine ganze Etage einnahm, gehörte der Ballerina Ekaterina Gelzer. Zu ihrer Wohnung gehörte sogar ein kleines Schwimmbad.

Eines der eindrucksvollsten Werke von Alexej Viktorowitsch Schtschusev im konstruktivistischen Stil ist das Haus des Volkskommissariats für Landwirtschaft der UdSSR (Narkomzem). Es besteht aus drei Gebäuden mit einem trapezförmigen Innenhof.

Schtschusev schuf ein wirklich innovatives und avantgardistisches Gebäude. Die betonte Asymmetrie der Fassaden, die abgerundeten Ecken, die Bandverglasung (eine durchgehende Fensterreihe) - all diese architektonischen Techniken machen das Haus auch heute noch zu einem der dominierenden Elemente des Gartenrings.

Berühmt ist das Gebäude auch dafür, dass es den einzigen Paternoster-Aufzug Russlands beherbergt (er wird auch "Endlosaufzug" genannt). Er hat keine Türen - die Fahrgäste steigen direkt ein und aus, während sich die Kabine bewegt.

Die Arbeit an dem Gebäude wurde den jungen Architekten Oswald Stapran und Leonid Saweljev anvertraut. Sie entwickelten ein Projekt im Geiste des Konstruktivismus. Als der Hauptrahmen bereits errichtet war, stellte sich heraus, dass das Gebäude nicht in das architektonische Bild des Bezirks passte. Der Minimalismus und die Kürze des Gebäudes entsprachen nicht den Anforderungen der Behörden, die einen pompösen und majestätischen Bau erwarteten. Alexej Schtschusev wurde gerufen, um die Situation zu retten.

Das Hotel war fast fertig, so dass eine gründliche Rekonstruktion unmöglich war. Schtschusev musste Einfallsreichtum beweisen: Er ergänzte das lakonische Gebäude mit einem achtsäuligen Portikus, der sechs Stockwerke hoch ist, sowie mit Balkonen mit Arkaden. Und er verzierte die strengen Fassaden mit Kapitellen und Vignetten. Dank der neuen Details erhielt „Moskwa“ ein monumentaleres Aussehen.

Die linke und rechte Fassade waren asymmetrisch. Dies gab Anlass zu einer urbanen Legende. Es wurde gemunkelt, dass Josef Stalin persönlich das Hotelprojekt genehmigte. Ihm wurden zwei Zeichnungen gezeigt: eine war ein strenges und zurückhaltendes Gebäude, die andere war pompös und reich verziert. Es hieß, der Führer habe genau in der Mitte unterschrieben, und keiner der Planer habe sich getraut, mit dem Führer zu klären, was er meinte. Deshalb mussten beim Bau des Hotels beide Skizzen realisiert werden. Eine andere Legende besagt, dass die Asymmetrie der Fassade durch die Rivalität zwischen den Architekten entstanden ist. Schtschusev konnte keine gemeinsame Sprache mit Saweljev und Stapran finden. So wurde die linke Fassade mit reicherer Verzierung angeblich nach dem Entwurf der jungen Architekten und die minimalistische rechte Fassade nach den Skizzen von Schtschusev gebaut.

Tatsächlich aber war das Gebäude aus technischen Gründen asymmetrisch. Während des Baus des rechten Gebäudes wurden mehrere Stockwerke an das alte "Grand Hotel" angebaut. Die baufälligen Wände hielten dem Gewicht nicht stand und begannen zu brechen. Aus diesem Grund verzichteten die Architekten auf massive Verzierungen und verlegten die Fenster der Erdgeschosse, um die Belastung des alten Gebäudes zu verringern.

In den 1930er Jahren beschlossen die Behörden, die Uferstraßen in der Nähe des Kiewer Bahnhofs zu modernisieren. Schtschusev schlug vor, ein Gebäude mit Kolonnaden, Bögen, Stelen und anderen dekorativen Elementen zu bauen. Im Laufe der Jahre änderte sich das Projekt dramatisch: Aufgrund der hohen Kosten wurde der Architekt aufgefordert, das Bauwerk zu vereinfachen und alles "Überflüssige" zu entfernen.

Einer der späten Werke Schtschusevs. Es ist ein schlankes Gebäude mit einem rhythmischen Wechsel von Balkonen und Loggien.

In dem Gebäude befanden sich 145 Wohnungen, die von Mitgliedern der Akademie der Wissenschaften und ihren Familien bewohnt wurden, die von Leningrad nach Moskau zogen. Zu verschiedenen Zeiten wohnten hier der Geologe Wladimir Obrutschev, der Mathematiker Iwan Petrovsk,i der Physiker Sergej Kapitsa und andere berühmte Wissenschaftler. Und eine der Wohnungen wurde von Alexej Schtschusev selbst bewohnt.

Schtschusev begann 1949 mit der Arbeit an dem Projekt, erlebte dessen Verwirklichung jedoch nicht mehr. Die Arbeit des Meisters wurde von seinen Schülern fortgesetzt: Viktor Kokorin und Alisa Zabolotnaja. Der Bahnhof wurde 1952 eröffnet.

"Komsomolskaja" befindet sich neben dem Platz der drei Bahnhöfe und sollte nach Schtschusevs Idee eine Visitenkarte und eine Art Tor zu Moskau werden, das die Gäste der Hauptstadt mit Luxus und Reichtum empfängt.

Entlang der Gleise stehen Reihen von Marmorsäulen, die Gewölbe sind mit Stuck mit Blumenornamenten verziert, und der Bahnhof wird von prächtigen Hornleuchtern beleuchtet. Die Hauptdekoration von "Komsomolskaja" sind jedoch Mosaike aus mehrfarbigem Glas und Halbedelsteinen aus dem Ural, die den militärischen Leistungen Russlands gewidmet sind. Insgesamt sind 7 Themen an der Decke des Bahnhofs abgebildet. Dazu gehören die Schlacht von Kulikovo, die Proklamation von Minin und Pozharsky und die Schlacht von Borodino.

Das heroische Thema spiegelt sich auch im Äußeren wider. Das Bahnhofsgebäude wird von einem Kuppeldach gekrönt, das dem Helm eines alten russischen Kriegers oder einem Bogatyr ähnelt.